Jahrhundert einer Ratte (Marcus Herrenberger)

von Hans:

Eine Kritik zu einer Graphic Novel „Jahrhundert einer Ratte“ von Marcus Herrenberger, einem langjährigen Freund aus meinen Berliner Studententagen.

Beschreibung

Eine Ratte bewegt sich durch die Zeitgeschichte des 20sten und beginnenden 21. Jahrhunderts. Im ersten Teil verlässt sie ihr Quartier im Winterpalais in Petrograd, aufgestöbert von den eindringenden Revolutionären und beendet den ersten Teil ihrer Reise in der Kanalisation in Wien. Der zweite Teil, in einem Buch mit dem dritten, beginnt in Casablanca, die Ratte ist Haustier im American Cafe von Rick. Teil zwei endet in Berlin, wo auch der dritte beginnt. Als Ratte einer Punkerin in der Hausbesetzer-Szene ist die Ratte eine eher gewohnte Erscheinung, Ihre Reise, der dritte Teil und das Buch schliessen in Kyoto, wo sie nach vielen Stationen, vielen Begegnungen und Freundschaften bleiben wird.
Die Chiffren der Geschichte
Marcus Herrenbergers phantastisches „Jahrhundert einer Ratte” nähert sich der Vollendung
Die Ratte ist retour, gewitzt und wendig und unternehmungslustig, bereit ihr Jahrhundert zu vollenden, das revolutionär begann, 1917 in Russland. Nun ja, nicht ganz vollenden, die letzte Dekade fehlt noch – im Jahr 2008 müssen wir uns fürs erste wieder von ihr verabschieden. 1992 erschien der erste Teil von Marcus Herrenbergers phantastischem, phantasmagorischem Geschichtsbuch Jahrhundert einer Ratte, das dem unheimlich mobilen Tier auf seinem Durchmarsch durch die Schauplätze und Zeitpunkte der Weltgeschichte folgte – selbst Kontinentenwechsel schafft es mühelos. Ein wieseliger Beobachter, ein Zeitgenosse, begabt mit dem Instinkt, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, angefangen in Petrograd, am Morgen des 26. Oktober 1917, im Winterpalais, in dem noch die Spuren sind des revolutionären Kampfes zu sehen sind, im Fenster die Silhouette des berühmten Panzerkreuzers Aurora.
Der erste Band behandelte eine Vergangenheit, die schon Mythos war, Revolution in Russland, Aufbruch der Moderne in Paris, Jazz Age in New York, der Zweite Weltkrieg, der Europa in Trümmer legte, das moralische Vakuum danach, verkörpert im toten Harry Lime. Im neuen Band kommen nun dazu Hare Krishna, Documenta, ’68, Punk, Terrorismus, Deutscher Herbst, Taliban . . .
Es ist Geschichte nicht in Aktion, die hier präsentiert wird, sondern immer kurz danach, in den Stunden der Erschöpfung, die auch die der ersten Reflexion, der Rückschau sind. Durchaus logisch, dass der Band dann an einem Ort der reinen Beschaulichkeit endet, im berühmten Zen-Garten des Ryoan-ji in Kyoto. Wobei der Name Kyoto heute, nach der Klimakonferenz dort, seine Unschuld ein wenig verloren hat.
In Slogans und Schlagzeilen und Graffiti drängt Geschichte hier ins Bild, auf Titelseiten, Büchern, Filmplakaten, immer hochaktuell – Barack Obama, der auf seine Präsidententauglichkeit geprüft, in Kyoto ist ein Plakat zu Doris Dörries „Hanami”-Film zu erkennen. Und in Silhouetten prominenter Menschen – Beuys, Giacometti, Umberto Eco, Woody Allen – und legendärer Städte – Paris, Manhattan –, die für das stehen, was man Atmosphäre, Lebensgefühl, Zeitgeist nennt. Das Buch ist, für Kinder wie für Erwachsene, eine aufregende Lektion, wie man die moderne Welt, die sich selbst zur Chiffre, zur Hieroglyphe wird, wieder lesbar macht. Was da im ersten Teil sich andeutete, explodiert im zweiten, im Zeitalter des Internets und der Okkupation der öffentlichen Räume durch Information und Reklame. In der die Gegenwart immer schon zum Mythos zu werden beginnt.
FRITZ GÖTTLER
  • MARCUS HERRENBERGER: Jahrhundert einer Ratte. Zwischen Lenin, Jazz & Harry Lime. Von Casablanca nach Kyoto.
  • minedition/Michael Neugebauer Edition, Bargteheide/Hongkong 2008.
  • 105 Seiten
  • 29,95 Euro.

Hier spürt man den Puls der Zeit, New York in den Achtzigern, und zu den Mythen des Alltags, die Marcus Herrenberger so vibrierend skizziert, gehören Woody Allen und sein Manhattan. Abb.: Verlag
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Über Alberto Villanueva

Ingeniero Superior de Telecomunicaciones (Universidad Politécnica de Madrid)
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Eine Antwort zu Jahrhundert einer Ratte (Marcus Herrenberger)

  1. Hans Schafgans schreibt:

    Auf Seite 10 dieses Buches ist meine Pariser Dachwohnung, meine Manzarde, die ich von 1984- 89 in der rue Lauriston 22 bewohnt habe. Mit meinem Freund Marcus bin ich einige Male abends auf das Dach meines siebnstöckigen Hauses (ohne Aufzug, ich war damals noch sportlicher als heute) gestiegen, wo wir einen schönen Blick auf die Fassaden und Dächer hatten.
    Marcus‘ „graphic novel“, eine Art Comic führt uns zu vielen Orten, die er bereist hat. Gerade kam es aus Instambul zurück und ist schon wieder nach Südkorea unterwegs gewesen…

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