Gran Wyoming

von Hans:

von madridfuerdeutsche.com:

NEWS: Volle Taschen

27.05.10

José Miguel Monzón Navarro alias Gran Wyoming, Spaniens bekannter Komiker, berichtet über die wahren Gründe der Krise in seinem Land.

In letzter Zeit hat er wenig zu lachen, seine Witze in dem Quotenschlager „El Intermedio“, der die absurdesten Nachrichten des Tages satirisch verarbeitet, werden immer bitterer, denn das politische Gefecht zwischen konservativer Partei und der regierenden Linken wird in Krisenzeiten immer ausfallender. Auch auf den gelernten Arzt steigt der Druck, beide Seiten wollen ihn instrumentalisieren. Chechu, wie der 55-Jährige von Freunden genannt wird, nimmt das mit Humor. Als der jetzige linke Premier José Luis Rodríguez Zapatero ihn für die letzten Regionalwahlen in Madrid vor die Kameras schleppen wollte mit dem Argument: „Mit dir gewinnen wir sicher die Präsidentschaft in der Region“ – da sagte er nur: „Wenn das so ist, dann bewerb‘ ich mich doch gleich selber als Präsident.“ Er blieb zuhause.

Der auch als Autor und Musiker tätige Komiker glaubt, dass Ethik und Moral in seinem Land von vielen mit Füßen getreten werden, dass die spanische Justiz noch nicht in der Demokratie angekommen ist und dass die Krise der Wirtschaft auch damit zu tun hat.

Chechu, Tausende von Deutschen träumen von einem Lebensabend an der spanischen Küste und Du denkst übers Auswandern nach, warum?

Weil mir hier langsam die Witze im Hals stecken bleiben. Was kann man da noch für unterhaltende Worte finden, wenn hier Politiker öffentlich Zettel verteilen können, auf denen „Rumänen raus“ steht oder vor laufender Kamera, wie in Katalonien geschehen, erzählen, dass Rumänen nur zum Klauen nach Spanien kommen.

Zwanzig Prozent der aktiven Bevölkerung sind derzeit ohne Job, da ist es wahrscheinlich verständlich, dass bei rund acht Prozent Ausländern der Rassimus in Spanien wächst?

So habe ich es noch nicht betrachtet. Wir sind ja eigentlich schon immer sehr tolerant gewesen, auch mit Euren Landsmännern an der Küste und auf Mallorca. Aber klar, wenn man es so sieht, dann muss man sich vielleicht tatsächlich wundern, dass es noch keine brennenden Autos und Randale in den Vorstädten gibt. Liegt wahrscheinlich daran, dass wir alle Mama-Söhnchen sind und bis 35 Jahre zuhause bleiben. Wenn Mama kocht und Papa zahlt, dann ist es nicht so schlimm, keinen Lohn zu haben.

Das erklärt wahrscheinlich auch, warum das Nachtleben hier immer noch blüht und auch die Hotels in den Osterferien ausgebucht waren. Beim Spaß scheint hier keiner zu sparen.

Na, von den 20 Prozent ohne Job haben viele eine Schwarzarbeit. Das heißt: Es sieht schlimmer aus als es ist. Die alten Leute haben auch Geld unter der Matratze liegen oder kassieren schwarz Mieten, womit sie dann die Enkel füttern. Hier hat ja dank dem Immobilienboom inzwischen fast jeder zwei Häuser oder mehrere Wohnungen. Und Skrupel, die Steuergesetze zu umgehen, haben wenige. Scheint eine südliche Eigenart, wenn ich mir unsere Freunde in Portugal, Griechenland und Italien anschaue.

Glaubst du, dass diese Geldgier und die laxe Steuermoral die Gründe für die Immobilienkrise sind?

Nein, wir haben einfach keinen Plan, das ist der Grund. Wir glauben immer an das Gute, man kann es auch als naiv bezeichnen. Jeder wusste, dass die Immobilienblase platzen würde, aber alle dachten: „Wenn es mich erwischt, dann besser mit vollen Taschen.“ Na, bei Preissteigerungen von 100 Prozent in drei Jahren, da hat halt jeder auf Pump zugeschlagen und eine Zweitwohnung gekauft, auch der Portier im Hochhaus oder der Taxifahrer.

Hat vielleicht alles mit dem korrupten Bürgermeister Jesús Gil y Gil in Marbella angefangen?

Ja, das war ein Typ wie viele hier in Spanien ihn lieben. So eine Art Berlusconi, es gibt immer noch Leute, die ihn bewundern. Was er veranstaltet hat in den 80er Jahren in Marbella ist rückblickend besser als jeder Mafia-Film. Wenn die andalusische Regionalregierung mal zur Inspektion der ganzen illegalen Bauvorhaben, Clubs und Mafiastrukturen vorbeikommen wollte, dann sagte Gil nur: „Sollen sie doch kommen, wir werden sie mit unserer Lokalpolizei empfangen.“

Glaubst Du, dass viele Spanier vielleicht noch wie unter Franco leben, und gar nicht gemerkt haben, dass das Land in der Demokratie angekommen ist?

Der Übergang von der Diktatur zur Demokratie war ein Unfall. Der König war kein überzeugter Demokrat, er hat nur seine Chance gesehen, wieder zu regieren. So sind wir halt in Spanien: Opportunistisch. Franco hat sich mit dieser Eigenschaft 40 Jahre an der Macht gehalten.
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Ist das der Grund, warum die spanische Wirtschaft und Politik von der Korruption zerfressen sind?

Ja, es ist in Spanien opportun, korrupt zu ein. Jeder denkt sich halt: „Ich wähle doch lieber den Bürgermeister, der mein Agrarland zu Bauland umschreibt und ich dann viele Tausende Euro beim Verkauf gewinne als den, der sich für Umweltschutz einsetzt.“

Es ist ja auch der schnelle Weg zum Geld, der viele anzieht. Der langsame scheint gerade auch vielen Unternehmern nicht attraktiv, also das Investieren in Ausbildung und Forschung ist nicht sehr populär.

Das liegt wohl auch daran, dass wir bequem sind; dafür aber auch wieder Improvisationskünstler. Wir lieben die Siesta, aber wenn wir dann aufwachen, können wir in einer Stunde eine Riesenparty organisieren. Also Party machen können wir auf alle Fälle. Ob das reicht in der globalen Wirtschaft..?

Na ja, die Ratingagenturen haben ihre Zweifel. Glaubst du wirklich, dass die Spanier einfach zu faul sind ?

Wir brauchen immer Druck. Wenn keiner sagt, das musst du machen, dann macht es auch keiner. Jetzt haben sie uns Feuer unter den Hintern gemacht, diese verfluchten Ratingagenturen, die ausländische Presse und diese verdammten Spekulanten. Ich denke, wir werden die nächsten Jahre einfach wieder super improvisieren, um nicht unterzugehen.

Stefanie Claudia Müller, http://www.wiwo.de

Über Alberto Villanueva

Ingeniero Superior de Telecomunicaciones (Universidad Politécnica de Madrid)
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